Wie der Gender Pay Gap legal kleingerechnet wird

 

Politik mit Zahlen

Wer Statistiken grundsätzlich misstraut, hat nun einen weiteren Grund dafür. Dass mit Zahlen auch Politik gemacht wird, ist nicht neu. Doch weshalb werden uns ausgerechnet bei dem Thema „Equal Pay“, das uns Jahr für Jahr erneut aufzeigen soll wie ungerecht die Zahlen sind, zum Teil falsche Zahlen aufgetischt? Frauen verdienen weniger als Männer. Das ist bekannt. Doch wie viel weniger es tatsächlich ist, wird fast immer verschleiert, beschönt, zum Nachteil der Frauen dargestellt und oft genug werden in den Medien sogar völlig falsche Zahlen genannt. Das Statistische Bundesamt (!) ist hier als Vorreiter zu nennen.

Konkret heißt das: Im Jahr 2017 haben Frauen durchschnittlich 16,59 EUR brutto für die Arbeits­stun­de erhalten. Männern wurde stattdessen 21,00 EUR bezahlt. So weit so wahr. An dieser Stelle wird es aber nun mathematisch. Wird davon ausgegangen, dass der „männliche Verdienst“ eine 100-%-Torte ist, berechnet mensch wie viel Prozent davon dann der weibliche Torten-Anteil wäre, indem man 16,59 der 21 Tortenstücke in Prozent umrechnet: 16,59/21*100= 79%. Frauen verdienen also 21% weniger als Männer. Soweit stimmt die Rechnung. Dies ist jedoch nur 1(!) von 2 Möglichkeiten, den Verdienstunterschied zu berechnen. Nun einfach zu behaupten, der Verdienstunterschied läge bei 21%, wäre daher sogar eine verfälschte Darstellung.

Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass wir FRAUEN über eine 100-%-Torte verfügen mit unseren 16,59 EUR und die Männer einfach mehr als eine Torte erhalten, dann würde man berechnen was die Männer mehr verdienen und nicht was die Frauen weniger verdienen. Das rechnet mensch folgendermaßen: 21,00/16,59*100= 126,58%. Männer verdienen also 26,58% mehr als Frauen.

 

Verdienen Frauen weniger oder Männer mehr?

Wie kann es sein, dass wir den Verdienstunterschied berechnen wollen und ein Mal auf 21 % und das andere Mal mit denselben Beträgen auf rund 26,6 % kommen? Männer verdienen je Arbeitsstunde 4,41 EUR brutto mehr als Frauen. Frauen verdienen je Arbeitsstunde 4,41 EUR brutto weniger als Männer. Die unterschiedlichen Prozentzahlen entstehen durch die Bezugsgröße. Interessiert mich wie viel Prozent 4,41 EUR im Verhältnis zu 16,59 EUR sind – und damit die Frage wie viel Männer prozentual über den Verdienst von Frauen hinaus verdienen? Oder blicke ich in die andere Richtung, nehme das Gehalt der Männer als Bezugsgröße und berechne wie viel Prozent 4,41 EUR von 21,00 EUR sind.

Ein kleines Beispiel meiner Kinder veranschaulicht das sehr gut:

Meine Tochter Svea bekommt zwei Kekse, mein Sohn Alexis erhält drei Kekse, weil er ein Junge ist.

Svea beschwert sich und sagt „Alexis hat 50 % mehr Kekse als ich.“

Doch Alexis entgegnet „Nein, du hast nur 33 % weniger Kekse als ich.“

Beide haben Recht.

Denn es kommt immer darauf an, wer in welche Richtung schaut und was daher als Bezugsgröße genommen wird! Wenn Svea berechnet wie viel 1 Keks im Verhältnis zu ihren 2 Keksen ist, kommt sie auf 50 %. Wenn Alexis berechnet wie viel 1 Keks im Verhältnis zu seinen 3 Keksen ist, kommt er auf 33 %.

 

Der psychologische Effekt

Verrückt, dass beim Thema „Gleiche Bezahlung“ das „männliche Gehalt“ als Bezugsgröße gewählt wird und damit ja auch zur Norm deklariert wird. Das macht zum einen natürlich Sinn, denn Frauen wollen mehr verdienen und nicht, dass Männer weniger bekommen und an das geringere „weib­li­che“ Gehalt angeglichen werden. Andererseits hat es natürlich einen negativen Beigeschmack, wenn die Perspektive passend zum Patriarchat mal wieder eine männliche ist – und das sogar in der feministischen Bewegung. Erst recht, wenn dies bedeutet, dass dabei „kleinere Zahlen“ herauskom­men. Wer sich Artikel über die Verdienstunterschiede durchliest, wird nicht darauf achten, ob dort steht, dass Männer diesen Prozentsatz mehr oder Frauen jenen Prozentsatz weniger verdienen. Die Zahl allein ist es, die im Gedächtnis bleibt und die man abspeichert als „den Unterschied“. Dieser psychologische Effekt führt dazu, dass wir alle den Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern unterschätzen, weil uns „21 %“ im Kopf hängen bleibt und nicht „fast 27 %“. Wem kann daran wohl gelegen sein?

 

Unterschlagung der weiblichen Perspektive –

Verallgemeinerung der männlichen Sicht

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind also nicht neutral sondern mit einer politischen Pers­pektive gefärbt. Würden nun alle Medien ganz korrekt schreiben, dass Frauen 21 % je Arbeitsstunde brutto weniger verdienen, wäre dies korrekt. Viele schreiben aber auch: „Der Verdienstunterschied beträgt 21%“. Das wäre so als würde ich meinen Kindern sagen „Der Keksunterschied beträgt 33 %“. Svea würde sicher einen Aufstand machen, wenn ich ihre Perspektive unterschlage und dann auch noch Alexis Perspektive verallgemeinere. Würde der Opa hören, dass ich behaupte, der Keksunter­schied läge bei 33 %, könnte zudem Folgendes pas­sieren: Er wüsste nicht, ob ich dies aus der Pers­pek­tive von Svea oder aus der Perspektive von Alexis berechnet habe. Wenn er dann glaubt, dass ich dies aus Sveas Perspektive berechnet hätte und ihre 2 Kekse wären die Bezugsgröße, dann würde er annehmen, Alexis hätte 2,66 Kekse. Denn 33% von 2 Keksen wären 0,66 Kekse, die er mehr hätte. Obwohl er tatsächlich 3 Stück hat.

 

Aus Zweideutigkeiten resultieren falsche Zahlen

Genauso verhält es sich beim Gehaltsunterschied: Wer nicht weiß wie diese 21% beim Verdienst­un­ter­schied berechnet wurden und was als Bezugsgröße verwendet wurde, könnte bei einer solchen Formulierung auch glauben, dass der „weibliche Verdienst“ als Bezugsgröße genommen wurde und dass Männer „nur“ 21 % mehr verdienen als Frauen. Das wäre aber falsch, denn wie wir oben gesehen haben verdienen sie rund 26,6 % mehr. Dann würde nicht nur der psychologische Effekt bewirken, dass wir den Gehaltsunterschied unterschätzen, sondern wir würden diese zweideutige und politisch gefärbte Formulierung auch noch auf die falsche Bezugsgröße beziehen. Exakt solche Formulierungen verwendet das Statistische Bundesamt, welches die Zahlen jährlich herausgibt. Gerade Statistiker*innen müsste klar sein, dass man niemals einfach nur von einem Unterschied sprechen darf und dazu die Prozentzahl angibt. Es muss immer auch die Blickrichtung bzw. die Bezugsgröße mit angegeben werden.

Und genau dieses Missverständnis passiert nun beim Gender Pay Gap permanent und zwar nicht nur bei den Leser*innen sondern auch bei den verantwortlichen Redakteur*innen: Andauernd lese ich in Zeitungen, dass Männer nur noch 21 % mehr verdienen als Frauen. Diese Aussage ist nicht nur poli­tisch gefärbt sondern hier nun letztendlich auch völlig falsch. Die Aussage „der Keksunterschied be­trägt 33 %“ kann einen schon wütend machen – leugnet sie doch völlig die weibliche Perspektive und bringt andere dazu, die Schlechter-Behandlung von Svea zu unterschätzen. Womöglich würde sie den Großeltern erzählen „Alexis hat 50 % mehr Kekse als ich“ und diese würden entgegnen „Das kann nicht sein. Wir haben schon gelesen, dass es nur 33 % Unterschied sind.“ Doch die Aussage „Alexis hat 33 % mehr Kekse als Svea“ wäre auch schlichtweg falsch. Denn Alexis hat nicht 2,66 Kekse. Er hat 3 Kekse.

 

Bisherige Formulierungen zum Gender Pay Gap sind alle problematisch:

Aussage Kritik
 

Frauen verdienen 21 % weniger als Männer.

 

Es gibt zwei Zahlen, die gleichermaßen wichtig sind: 21 % (verdienen Frauen weniger) und 26,6 % (verdienen Männer mehr). Stets nur eine der Zahlen zu nennen, ignoriert die weibliche Perspektive. Stets nur die kleinere Zahl zu nennen, bewirkt den psychologischen Effekt: wir alle unterschätzen den Verdienstunterschied.
Der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt 21 %. Nun wird die weibliche Perspektive nicht mehr nur ignoriert sondern auch geleugnet. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Ohne Angabe der Blickrichtung bzw. der Bezugsgröße kann der Gehaltsunterschied nicht nur unterschätzt sondern auch völlig falsch eingeschätzt werden.
Männer verdienen 21 % mehr als Frauen. Diese Aussage ist einfach komplett falsch. Wer den Satz „Männer verdienen … mehr als Frauen“ formulieren will, MUSS sich die Mühe machen und selber berechnen was Männer denn nun mehr verdienen – statt einfach die Zahlen vom Statistischen Bundesamt aus einem Satz herauszulösen und in einen völlig anderen Zusammenhang zu stellen.

 

Von Feministinnen habe ich bislang noch keinen Widerspruch oder Kritik gelesen. Im Gegenteil. Manchmal verwenden sie dieselben falschen Zahlen. Zum Beispiel beim Equal Pay Day. Aber es wird Zeit, dass wir gegen diese frauenfeindliche Betrachtung des Gender Pay Gaps endlich unsere Stimme erheben. Die weibliche Perspektive muss berücksichtigt werden und die Zahlen müssen entsprechend korrekt und ohne politische Manipulation benannt werden.

 

Gender Pension Gap verdeutlicht wie ungleich die Entlohnung wirklich ist

Männer verdienen fast 27 % mehr als Frauen. So sieht es aus. Aber auch das ist nur korrekt, wenn wir von dem Verdienst pro Arbeitsstunde sprechen. Wie viel Frauen ihr Leben lang auch dadurch weniger verdienen, dass sie die meiste Care-Arbeit leisten, deshalb deutlich häufiger Teilzeit arbeiten und län­gere sowie häufigere Familien-Phasen haben, kann man anhand des Gender Pension Gap erahnen, der die Unterschiede in der Rente angibt. Der beträgt nämlich weder 21 noch 27 %.

Die Rente von Frauen (576 EUR monatlich) war im Jahr 2014 in Westdeutschland 42 % geringer als die Rente der Männer (ganze 994 EUR). Aus der Perspektive der Frauen heißt dies, dass die Rente der Männer ganze 73 % höher war als ihre eigene.

Eine mögliche Lösung für eine Formulierung, die die politische Forderung nach gleicher Bezahlung unterstützt und nicht unterläuft, ist daher folgende:

„Männer verdienen fast 27 % mehr als Frauen. Das sind 4,41 EUR mehr in jeder Arbeitsstunde. Aufgrund von Familienphasen und Teilzeitarbeit summiert sich der Lohn, den Männer im Laufe eines Arbeitslebens mehr erhalten haben als Frauen, dann sogar so weit, dass Männer ganze 73 % mehr Rente erhalten.“

 

Frauen verlieren fast 1 Million – weil sie Frauen sind

Zahlen sind politisch. Und sie werden in Deutschland im Zuge der Berichte rund um den Equal Pay Day perfiderweise gegen Frauen eingesetzt. Was würde Svea wohl davon halten, wenn ich mit ihr ein Mal im Jahr für mehr Kekse protestieren würde und gleichzeitig nach außen Zahlen auf eine Art ver­öffentliche, dass ich das Ausmaß ihrer Benachteiligung verschleiere oder sogar leugne? Und was würde sie sagen, wenn sich der Keks-Klau täglich wiederholen würde und sie irgendwann ausrechnet, dass ihr im Laufe des Lebens fünf LKWs voll mit Keksen vorenthalten werden?

Vielleicht würde sie wollen, dass Frauen nicht jahr(zehnt)elang auf falsche Prozentzahlen starren sondern einfach die Menge an „Keksen“ einfordern, die ihnen zusteht. Wenn man alle „Kekse“ mal zusammenrechnet, kommt da nämlich so einiges zusammen:

  1. Männer haben einen höheren Stundenlohn (4,41 EUR mehr je Stunde in 2017)
  2. Männer sind mehr Jahre erwerbstätig als Frauen (bei den heute 26jährigen werden Männer vermutlich fast 6 Jahre länger erwerbstätig sein).
  3. Männer sind durchschnittlich mehr Stunden pro Woche erwerbstätig (fast 9 Stunden wöchentlich mehr als Frauen).

Frauen leisten eine Menge unbezahlter Arbeit. Und bei der bezahlten Arbeit werden sie diskriminiert! Um es kurz zu machen: Ganz grob verdienen Männer durchschnittlich im Laufe ihres Lebens bis zum Beginn der Rente auf diese Art 1,7 Millionen Euro. Bei den Frauen sind es nicht mal 900.000 Euro. Uns werden über 800.000 Euro vorenthalten und das nur bis zur Rente. Nimmt man die Rentenunterschiede auch noch hinzu, bekommen Frauen im Laufe ihres Lebens fast 1 Million Euro weniger als Männer! Und hier geht es nur um die Unterschiede beim Geld, das reinkommt. Wie Gender-Marketing oder auch die Kosten für Menstruationsartikel auch noch dazu führen, dass Frauen viel höhere Ausgaben haben als Männer ist hier noch gar nicht mit einberechnet.

 

Zahltag

Vielleicht sollten wir aufhören, uns von den Statistiken belügen und beschwichtigen zu lassen! Stattdessen sollten wir anfangen, in die Politik zu gehen und nur noch die Politikerinnen wählen, die uns Frauen zu dem Geld verhelfen, um das wir betro­gen werden. Es gibt in Deutschland 41 Millionen Frauen. Würden diese alle ihre Million einfor­dern, kämen wir auf 41 Billionen Euros, die Deutschland seinen Frauen schuldet.

Geld ist Macht. Wenn wir also Gleichberechtigung erreichen wollen, müssen die finanziellen Voraussetzungen von Männern und Frauen gleich sein. Eine Frau darf nicht halb so viel wert sein wie ein Mann. Aber genau so wird sie entlohnt! Und das Statistische Bundesamt und viele Medien verschleiern gleichzeitig diese 2-Klassen-Gesellschaft oder belügen ihre Leser*innen sogar!

 

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