Immer wieder kommt der Vorwurf: Gewalt unter der Geburt? Nein, nein, da hätte ich etwas vööööllig verkehrt verstanden. Das ist gar keine Gewalt. Sondern nur gewaltig. Ein Sprach-Missverständnis also. Verdammt. 9 Semester Linguistik umsonst studiert. Asche auf mein Haupt. Auch Frau Dr. Hösli, Chefärztin im Universitätsspital Basel, hat mich am 20.11.18 in der Tageszeitung „Der Landbote“* auf meinen Sprachfehler hingewiesen. Habe ich mich also nur versprochen? Meinte ich eigentlich „Gewaltig unter der Geburt“, als ich mein Buch vor 3 Jahren schrieb? Kann man ein gewaltiges und ein gewalttätiges Ereignis so leicht verwechseln nur weil sich die Wörter ähneln? Wie unterscheide ich jetzt künftig zwischen Gewalt und gewaltigen Dingen, wenn ich diese linguistische Rot-Grün-Schwäche habe?

Sprach-Analyse

Da es mir natürlich echt peinlich wäre weiterhin in Texten und Interviews wichtige Begriffe zu verwechseln, habe ich mir den Unterschied mal näher angesehen:

Ein paar Synonyme für gewaltig: riesig, gigantisch, mächtig, enorm, bedeutend.

Ein paar Synonyme für Gewalt: Macht, Zwang, Unterdrückung, Bedrohung, Herrschaft, Grausamkeit.

Sieht eigentlich so aus als wären es doch zwei sehr gut voneinander zu unterscheidende Begriffe. So wie Wolle und wollen. Klingt ähnlich, ist aber gar nicht schwer zu wissen, welches Wort man grad verwenden Wolle äh will.

Test in freier Wildbahn

Um zu testen, ob es wirklich so einen großen Unterschied macht, welchen Begriff man verwendet, habe ich bei Gesprächspartner*innen einfach selber mal eingehakt – so wie Ärzt*innen, Journalist*innen, Hebammen und Frau Dr. Hösli es bei mir taten.

Mein Sohn erzählte mir gerade aus der Schule. Seine Klassenlehrerin hatte erklärt, dass Gewalt auf dem Schulhof verboten ist und bestraft wird. Ich lachte „Das können sie nicht machen. Euer Schulhof ist nun mal echt gewaltig!“ Mein Sohn will sich den coolen Spruch merken, weil der voll „lol“ ist. Hoffentlich krieg ich demnächst keine Post von der Direktorin.

Meine Chefin sprach mit mir über Ziele für 2019 und kommentierte meine Pläne mit: „Da haben Sie ja Gewaltiges vor!“ Ich widersprach ihr „Nein, ich habe nur Gewalttätiges vor.“ Statt der erwarteten Beförderung erhielt ich eine Abmahnung und möglicherweise folgt noch eine Anzeige. Mal sehen.

Ich bin mir nun doch ziemlich sicher, dass mein sprachwissenschaftliches Studium nicht total für die Tonne war. Soweit ich das verstanden habe, ist der Eisbecher meiner Tochter gewaltig, wenn er sehr groß und überwältigend ist. Gewalttätig ist er nur, wenn sie ihn mir auf meine Nase donnert. Und genau genommen ist dann nicht der Eisbecher gewalttätig sondern meine Tochter.

Frau Dr. Hösli macht den Weihnachtsmann

Als ich las, dass die Schweizer Chefärztin in einem Interview gestern erklärte, es gäbe keine gewalttätigen Geburten sondern nur gewaltige Geburten, war ich erstmal super geflasht. Es gibt fast 133 Millionen Geburten im Jahr weltweit. Das sind ca. 360.000 Geburten täglich! Da sag ich nur: „RESPEKT, Frau Dr. Hösli!“ Sie schafft offenbar dasselbe wie der Weihnachtsmann – in einer Nacht um die Welt – an jedem Tag des Jahres und ist dann auch noch bei allen Geburten von Anfang bis Ende anwesend. Diesen Zaubertrick würde ich auch gerne beherrschen. Und wahrscheinlich wären auch viele Hebammen an dieser bahnbrechenden Technik der Geburtsbetreuung interessiert. Sie plagen sich mit 3-6 Geburten gleichzeitig ab. Eltern und Hebammen fordern eine 1:1-Betreuung für Gebärende. Während Frau Dr. Hösli weiß, wie man eine 1:360.000-Betreuung entspannt wuppt.  

Kein Wunder, dass sie dann natürlich auch weiß, dass all die Frauen, die in so vielen Ländern Jahr für Jahr davon berichten, dass ihnen Gewalt unter der Geburt angetan wurde, alle lügen müssen (oder denselben Sprachfehler haben wie ich). Sie hat es halt selbst gesehen.

Aber Moment. Vielleicht hab ich das nur falsch verstanden? Denn gewalttätige Geburten gibt es natürlich genauso wenig wie gewalttätige Eisbecher. Da hat Hösli schon recht. Es gibt nur gewalttätige Menschen, Ärzt*innen, Hebammen, Entbindungspfleger, Klinikpersonal etc. Und das hat Frau Dr. Hösli schließlich überhaupt nicht bestritten.

Applaus! Hösli findet klare Worte – nicht!

Dann sind wir uns ja am Ende vielleicht doch einig. Eine Geburt kann überwältigend sein. Geburtshilfliches Personal kann gewalttätig sein! Zum Beispiel, wenn eine Frau unter der Geburt beleidigt, bedroht oder ausgelacht wird, wenn unnötig oft und unnötig brutal vaginal in sie eingedrungen wird, wenn sie festgeschnallt wird, wenn ein unnötiger oder nicht genehmigter Damm- oder Kaiserschnitt gemacht wird oder wenn einer dieser Eingriffe (auch Medikamentengaben) ohne Aufklärung der Patientin oder sogar gegen ihren erklärten Willen erfolgt. Das ist Gewalt und nicht gewaltig. Wie Frau Dr. Hösli aber richtig feststellt: Ärzte und Hebammen müssen dafür bestraft werden! Danke, Frau Dr. Hösli, dass Sie es so klar aussprechen!

Nö, nö, drei Mal nö

Oder? Schon wieder zu früh gefreut. Frau Dr. Hösli möchte nur, dass absichtliche Aggressionen bestraft werden. Ihr Argumentationsstrang: Es gibt keine Gewalt unter der Geburt. Denn wenn es sie gäbe, müsste sie mit absichtlichen Aggressionen einhergehen und dann müssten diese Aggressionen bestraft werden. Öhm nö. Strafen gerne. Aber der Rest: nö.

1.       Gewalt muss nicht mit Aggressionen einhergehen. Aggressionen sind Gefühle. Gewalt kann auch völlig gefühllos ausgeübt werden. Ein Auftragskiller beispielsweise hat vermutlich keine Aggressionen – auch nicht speziell gegen die jeweilige Person. Er will nur sein Geld damit verdienen. Erinnert an Ärzt*innen/Kliniken, die mit Übergriffen und Körperverletzungen an Gebärenden Geld verdienen wollen/zumindest ihren Job behalten wollen oder?

2.       Was zum Teufel sind absichtliche Aggressionen? Wer hat denn absichtlich Gefühle? Und weshalb sind nur absichtliche Aggressionen problematisch? Fragen über Fragen. Frau Dr. Hösli, bitte klären Sie mich auf!

3.       Aggressionen oder nicht – wie will man herausfinden welcher Gewalttäter dabei absichtliche Aggressionen hat? Und verdammte Axt noch eins, welchen fucking Unterschied macht das für die Gebärende, der Gewalt angetan wird, was für emotionale Verwirrungen da beim Täter grad abgehen?   

Höslis Geduldsfaden zum reißen gespannt

Fassen wir zusammen: Körperverletzung an sich – müsste aus Frau Dr. Höslis Sicht nicht bestraft werden (gibts ja auch gar nicht). Bei Aggressionen, die ein gewalttätiger Mensch hat, wird es schon wärmer. Hat er diese Aggressionen auch noch absichtlich, dann reißt Frau Dr. Höslis Geduldsfaden aber endgültig (und reißt er nicht von allein, macht ihr eine Kollegin vom Spital sicher gern einen Schnitt). Da muss eine Strafe her – sofern man denn beweisen kann, dass hier absichtliche Aggressionen vorliegen! Mist!

In anderen äh mildernden Umständen

Klingt so als wäre es unmöglich jemals jemanden für Gewalt unter der Geburt zu belangen – jedenfalls wenn wir uns nach Höslis eigenen Rechtsinterpretationen richten würden. Außerhalb von Höslis Gedankenwelt im echten Leben ist Körperverletzung strafbar – dafür braucht es nicht die Existenz oder Intensität absichtlicher Gefühle beim Täter.

Wäre ja auch noch schöner. Wenn mir jemand eine Axt in den Oberschenkel haut, interessiert mich als Opfer doch nicht die Bohne, ob der Täter seinem Kumpel einfach nur mal was beweisen wollte, ob ihn die Nachbarin dafür bezahlt hat oder ob er sich absichtlich in Aggressionen gegen mich reingesteigert hat.

Lediglich das Strafmaß bezieht das Motiv (und weitere Faktoren wie Häufigkeit) zur Tat mit ein. Ob jemand, der abgestumpft und eiskalt permanent Körperverletzungen begeht, um seinen Job zu sichern, allerdings ein geringeres oder eher ein höheres Strafmaß erhalten müsste als andere Gewalttäter, mag ich hier nicht beurteilen.

Warum von Straffreiheit träumen, wenn es sie längst gibt?

Dennoch liegt Hösli mit ihrem Szenario, bei welchem Täter ohnehin nie eine Bestrafung befürchten müssten gar nicht mal so falsch. Gewalt unter der Geburt geht mit ähnlichen Zuständen der faktischen Rechtlosigkeit bei theoretisch geltenden Patientenrechten einher wie dies auch bei Vergewaltigungen der Fall ist.

Rein theoretisch ist beides gesetzlich verboten und müsste strafrechtlich verfolgt werden.

Nur werden die Verfahren viel zu oft aus Mangel an Beweisen oder aus Mangel an öffentlichem Interesse eingestellt. Wenn denn überhaupt Anzeige erstattet wird. Die meisten halten das Unterfangen nämlich ohnehin für aussichtslos und allerhöchstens für stark (re)traumatisierend und lassen es daher gleich bleiben. Anzeige wird extrem selten gestellt.     

Zeig mir wie du in der Öffentlichkeit sprichst und ich sage dir wo wir leben

Fest steht, im 21. Jahrhundert kann die Chefärztin eines der größten medizinischen Zentren der Schweiz, völlig ungeniert in der Presse Gewalt leugnen – ohne dabei gewesen zu sein. Sie unterstellt damit öffentlich allen Betroffenen, dass sie lügen oder dass sie Gewalt und gewaltig nicht zu unterscheiden vermögen oder dass sie unter der Geburt geistig mehr ab- als anwesend waren. In jedem Fall sind Gebärende für sie also unzurechnungsfähig und haben nicht einmal das Recht über das Geschehene zu urteilen oder es als Gewalt zu bezeichnen. Ernst nehmen will und muss die Chefärztin ihre Gebärenden schon mal nicht.

Frau Dr. Hösli kann es sich leisten, in einem Interview das Rechtssystem zu verdrehen und derart viele Hürden für die Bestrafung zu erfinden, dass sie dem geburtshilflichen Personal damit einen straffreien Raum schaffen möchte. Und das in Zeiten, in denen dieser straffreie Raum für sie und ihre Kolleg*innen bereits faktisch existiert.

Ein Kind mit Frau Dr. Hösli? Wohl eher nicht!

Wenn solche Äußerungen einer Chefärztin möglich sind, dann sagt das viel über die Zustände in der Geburtshilfe in der Schweiz oder zumindest im Unispital Basel aus.

Als Schwangere müsste ich jedenfalls nicht lange darüber nachdenken, ob ich mein Kind im rechtsfreien Unispital Basel bekommen möchte, wo die Gewalt unter dem Deckmantel „gewaltig“ im Kreißsaal wohnt! 

 

  • Am 20.11.18 berichtete „Der Landbote“ in der Schweiz groß aufgemacht mit einer ganzen Seite über Gewaltvorwürfe gegen Klinikpersonal. Obwohl ich darin mehrfach zitiert werde – und man Frau Dr. Hösli offenbar Gelegenheit gab, auf diese Zitate einzugehen – wurde ich überhaupt nicht interviewt! Die Zitate scheinen abgeschrieben (aus meinem Buch?!). Journalistisch sehr unsauber. Insbesondere wenn man das Ganze zu einer Art Dialog zusammenbastelt, wobei eine Person Zitate kommentieren kann, die andere diese Chance aber nicht erhält und man den Leser*innen gegenüber den Anschein erweckt, es hätte ein Gespräch oder Interview gegeben.