Sind Geburtspläne sinnvoll?

Geburtspläne sind wichtig, aber oft wirkungslos. Ist eine justiziable Patientinnenverfügung die Lösung? Vor Kurzem fragte mich die Deutschen Hebammenzeitschrift, wie ich zu individuellen Geburtsplänen stehe, die Frauen zur Geburt mitbringen. Meine entnervte Antwort lautete: „Allein die Tatsache, dass wir darüber reden müssen, ob es sinnvoll ist, dass sich Frauen Gedanken über die Geburt ihres Kindes machen und ihre Wünsche aufschreiben, zeigt, wo wir in der Geburtshilfe stehen. Oft mokiert oder ärgert sich das Personal über diese schöne Möglichkeit, die Mutter als Individuum und nicht bloß als Nummer kennenzulernen. Das ist nicht nur anmaßend sondern auch frauenverachtend.“

Eigenverantwortung trifft auf Konflikt-Projektion

Natürlich beginnt die Verantwortung einer Frau in ihrer Mutterrolle bereits lange vor der Geburt des Kindes. Selbstverständlich ist es sinnvoll, sich vor der Geburt mit seinen eigenen Wünschen auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, diese schriftlich festzuhalten und dem geburtshilflichen Personal den Geburtsplan vorzulegen. Denn wenn wir genau hinschauen, handelt es sich hier nicht um Wünsche nach dem Motto „Wünsch Dir was!“ Stattdessen setzt sich eine Frau verantwortungsvoll mit der nahenden Geburt auseinander. Nämlich damit, wie ihr Kind und sie eine Geburt körperlich gesund & seelisch gestärkt bestehen können – im besten Sinne unversehrt.

Das Problem ist nicht, die Existenz eines Geburtsplans. Hingegen problematisch ist, dass Kliniken Geburtspläne ignorieren. Manche Hebammen fühlen sich durch das Formulieren der Wünsche der Mütter gekränkt, beleidigt, angegriffen oder infrage gestellt. Wie können Frauen auch auf die Idee kommen, sie wären die Expertinnen für ihre eigene Geburt, für ihren Körper & ihr Baby?! Nicht selten lacht das Personal die Geburtspläne der Mütter aus oder kommentiert sie abfällig. Das geburtshilfliche Personal projiziert dabei in die Wunschliste eigene ungelöste Konflikte hinein. Diese Konflikte betreffen die Anerkennung von Hebammen und den Machtkampf zwischen Ärzt*innen und Hebammen. Den berühmten Tritt nach unten bekommen die Gebärende und das Baby ab.

Patientinnen- und Menschenrechte werden missachtet

Oft genug hält sich unter der Geburt in der Klinik dann niemand an die Wünsche der Gebärenden – selbst wenn diese sie extra schriftlich eingereicht haben! Patientinnenrechte werden mit Füßen getreten. Genauso wie unser Grundgesetz: Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.

Katastrophal ist, dass das Missachten der Wünsche der Mutter dramatische Folgen für den Geburtsverlauf hat. Jede Hebamme weiß es. Für eine gute Geburt können die notwendigen Hormone von der Frau nur ausgeschüttet werden, wenn sie sich absolut sicher fühlt. Dazu benötigt jeder Mensch, aber besonders die Gebärende Rückhalt.

Bindungsanalytikerin erlebt Missachtung von Geburtsplänen

So hat es auch Doris Lenhard aus Bonn erlebt. Sie betreut und begleitet seit Jahren Schwangere und Mütter. Dabei hat sie sich spezialisiert auf die vorgeburtliche Beziehung zwischen Eltern und Babys. Als Bindungsanalytikerin stärkt sie Frauen nach Fehlgeburten, traumatischen Geburten oder weil sie schlicht und einfach Angst vor der Geburt haben. Lenhard bereitet die Eltern und das Baby ganz konkret auf den Geburtsprozess vor mit einer Hypnobirthing-basierten Geburtsvorbereitung. In dieser können die Eltern ihren Geburtsplan anhand fundierter Aufklärung entwickeln. Manche begleitet sie auch während der Geburt.

Die Geburten ihrer Klientinnen verliefen fast immer gewaltfrei. Die Mütter hatten sich mit ihr intensiv auf die Geburt vorbereitet. Eigene Geburtserfahrungen hatten sie verarbeitet. Der Geburtsplan wurde lange vor der Geburt mit den Ärzt*innen besprochen und Doris Lenhard war als Doula mit dabei. Zuletzt erlebte sie aber zwei Fälle mit Gewalt. Bei diesen haben sich Ärzt*innen, Hebammen und Klinik einfach über die Wünsche und Rechte der Mütter hinweggesetzt. Und das sogar in Lenhards Beisein. Die Geburtspläne wurden komplett ignoriert – selbst bei einer vorbelasteten Mutter, obwohl die Klinik um deren Traumatisierung wusste. Lenhard war schockiert.

Entwicklung der Patientinnenverfügung durch Doris Lenhard

Als ehemalige Rechtsanwaltsgehilfin kam die clevere Bonnerin dann auf die Idee, eine justiziable Patientinnenverfügung zu entwickeln. Hiermit soll den Wünschen der Mütter mehr rechtlicher Nachdruck verliehen werden. Die justiziable Patientinnenverfügung wirkt allein schon über ihre Begrifflichkeit. Worte sind Macht und formen unser Denken und lösen Reaktionen beim Gegenüber aus. Die juristische Konnotation einer justiziablen Verfügung ist der machtvolle Ausdruck einer Eigensinnigkeit im besten Sinne, der Eigenverantwortung. Dieser Ausdruck juristischer Eigenverantwortlichkeit wird dem Geburtsplan von Hebammen und Ärztinnen oft nicht zugestanden.

Es ist ein Hinweis auf die Patientinnenrechte und darauf, dass es sich hier um ein rechtlich relevantes Dokument handelt. Und ganz sicher nicht um einen Wunschzettel aus dem Poesiealbum. Dies führt letztlich dazu, dass das Klinikpersonal mit Eltern auf Augenhöhe kommuniziert. Mittlerweile übliche Standards für konstruktive Patientenkommunikation und gesetzliche Standards für Patientenaufklärung halten sie plötzlich ein.

Inhalte und Aufbau der justiziablen Patientinnenverfügung

Die Patientinnenverfügung enthält ein Anschreiben, in welchem die Eltern zunächst darlegen, welche Kompetenzen sie bereits in der Vorbereitung auf die Geburt erworben haben. Im Anschluss formulieren sie Forderungen, die sie an die Klinik und das gesamte geburtshilfliche Personal stellen. Lenhards Eltern haben sehr realistische Vorstellungen von den Abläufen im Kreißsaal. Das kann man schnell aus den Patientinnenverfügungen herauslesen.

So stimmen sich die Mütter oft mit den Vätern ab. Das geburtshilfliche Personal solle sich mit sämtlichen Äußerungen zum Geburtsfortschritt oder zur Erwägung von Eingriffen zunächst ausschließlich an den/die Partner*in wenden. Hierzu wird das Personal in der Verfügung dann aufgefordert. So wird dem Umstand Rechnung getragen, dass es häufig viele unbedachte oder auch absichtlich ängstigende Aussagen unter der Geburt gibt. Diese führen dazu, dass die Mutter sich nicht mehr auf sich selbst und die Geburt konzentrieren und entspannt bleiben kann.

Stresshormone werden bei Mutter und Baby ausgeschüttet

Sätze wie „Nur 1 cm in 2 Stunden“ oder „Vielleicht sollten wir jetzt langsam mal die Fruchtblase öffnen“ lösen physiologisch die Ausschüttung von Stresshormonen aus. Doch diese stören den Geburtsverlauf und reichen je nach individueller Vorgeschichte der Frau von leichter Irritation über Stress bis hin zur Reaktivierung eines Traumas. Solche und ähnliche Stressoren führen dazu, dass Gebärende am Ende mürbe sind, sich ausgeliefert fühlen und Eingriffe über sich ergehen lassen.

In anderen Kulturen gehört es zum Allgemeinwissen, dass ungeborene Babys empfindsame Wesen sind. So reagieren Babys auf die Umgebung ihrer Mutter und deren Gefühle. Doch in Deutschlands Kreißsälen bleibt dies weitestgehend unberücksichtigt. Es wird nicht nur die Mutter gestresst, der Stress kommt beim Baby an. Und das Baby wird in seiner Geburtsarbeit irritiert und behindert. Lenhards Klientinnen wollen sich mit der Verfügung auch abschirmen und einen Schutzraum schaffen. Alle Infos oder Wünsche des Personals gehen erstmal an die Begleitung der Gebärenden (Vater/Partner*in). Die Begleitung entscheidet dann, ob die Infos an die Mutter weitergetragen werden.

Mit der Patientinnenverfügung Gehör verschaffen

Was auch immer die Schwangeren an Forderungen in die justiziable Patientinnenverfügung aufnehmen, sie stellt ein wichtiges neues Instrument zur Selbstbestimmung dar. Und sie ist nur die logische Weiterentwicklung des Geburtsplans. Bedrücken muss einzig die Tatsache, dass sie überhaupt benötigt wird. Und auch, dass Schwangere versuchen müssen, sich mit Schriftstücken einen selbstverständlichen Schutzraum zu schaffen. Denn sie finden diesen nicht mehr vor, weil ihn die richtliniengeleitete, medikalisierte Geburt nicht vorsieht. Zudem wird er von einigen Hebammen oft verwehrt.

Denn ursprünglich sind Patient*innenverfügungen entstanden, damit die eigenen Wünsche schriftlich vorliegen. Es soll vorgesorgt sein für den Fall, dass man eben nicht mehr ansprechbar ist und nicht mehr entscheiden kann. Gebärende sind aber (fast immer) noch ansprechbar und können ihre Wünsche und ihre Zustimmung oder Ablehnung mündlich äußern. Doch häufig verhallen ihre Stimmen ungehört. Schwangere brauchen diese Verfügung also weniger für Situationen, in denen sie nicht mehr sprechen können. Sie brauchen sie vielmehr für Situationen, in denen sie keiner hören will!

Justiziable Patientinnenverfügung wird erfolgreich eingesetzt!

Lenhards Klientinnen haben bislang durchweg positive Erfahrungen mit der Patientinnenverfügung gemacht. Zunächst sorgt sie regelmäßig für Irritationen bei Ärzt*innen und Hebammen. Ernst genommen und gehört wurden bisher aber alle der Mütter mit justiziabler Patientinnenverfügung!

 

Christina Mundlos & Doris Lenhard*

*Mehr Informationen über die Familientherapeutin und Bindungsanalytikerin Doris Lenhard finden Sie hier: www.fachpraxis-doris-lenhard.de/